W H I T E W A L L S
Was würdest du tun? Was würdest du tun? Was würdest du tun?
Meine Nägel kratzen über die Tafel. Das Geräusch ist ekelhaft. Das Gefühl widerlich. Ich bin der Psychopath. Der Freak. Sie haben recht. Sie haben tatsächlich recht. Doch ein Loser bin ich nicht. Kein Verlierer. Kein Versager. Ich bin Künstler. Ich ergreife einen kleinen Hautfetzen, der von meiner Unterlippe baumelt und reiße daran. Ein stechender Schmerz zieht durch meinen Körper, der Geschmack von Blut strömt mir in den Mund. Ich liebe den Geschmack von Blut. Ich weiß nicht. Aber er gefällt mir. Warum auch nicht? Weshalb sollte es absurd sein Blutgeschmack zu lieben? Viele lieben den Gestank von Benzin.
Ich lasse meine Fingerkuppe über meine Unterlippe streichen, bevor ich mit dem gesamten Handrücken darüber fahre. Ein schmaler Blutstreifen bleibt auf meiner Haut zurück. Ich wische ihn nicht weg.
Meine Blicke schweifen durch den leeren Klassenraum. Ich greife nach meinem Rucksack und gehe. Auf dem Flur treffe ich eine Lehrerin, die mich anspricht. Ich ignoriere sie und werde schneller. Die Wände sind weiß. Ich hasse weiße Wände. Dennoch liebe ich sie. Sie inspirieren mich in jeder Sekunde ihres Seins, in der ich sie betrachte. Aber weiße Wände mit Blut sind noch viel schöner. So wie die in meinem Zimmer.
Ich betrete den Pausenhof und zupfe die schwarzen Stulpen, die meine Unterarme bedecken zurecht. Muss ja nicht jeder die hässlichen Narben sehen. Ich habe mich beim Kochen geschnitten. Bin betrunken in einem Haufen Glasscherben gelandet. Mir ist das Schnitzmesser aus der Hand gerutscht. Die Katze hat mich gekratzt. Ich bin in einen Dornenbusch gestürzt. Ich sollte aufhören mir immer wieder neue Ausreden auszudenken, kann ich doch einfach jedes Mal die gleiche Wahrheit erzählen. Es war ein schwarzer Buntstift. Nichts als ein schwarzer Buntstift. Angespitzt. Nachdem ich ihn achtundsiebzigmal mit aller Kraft über dieselbe Stelle gezogen habe, ist die Haut gerissen. Ich musste den Stift zwischendurch dreizehnmal anspitzen. Hinterher war mein Arm voller Blut und es fand sich eine gerötete Linie mehr. Ich wartete nicht, bevor ich die nächste zog. War die Leinwand zu blutig, so drückte ich sie gegen die weiße Wand. Ich malte, bis das das Kunstwerk fertig war. Hässliche Fratzen verunstalten meine Arme. Bald werde ich auch meine Beine verzieren.
Eine türkise Strähne meines Haares fällt mir ins Gesicht. Ich lasse sie dort wo sie ist. Bald gesellt sich eine schwarze zu ihr.
Manchmal frage ich mich, ob ich töten würde. Nur um zu beweisen, dass ich recht hatte. Nur um zu beweisen, dass die anderen unrecht hatten. Dass ich kein Feigling bin. Kein Schwächling. Kein Loser und kein Versager. Sie sollen alle brennen. Ich hasse sie und die Welt. Und mich am allermeisten. Ich werde in den Flammen sterben. So wie in den Albträumen – meiner Inspiration. Doch zuerst werde ich ein Gemälde aus Blut zeichnen. Inspiriert durch meinen ganz persönlichen Wahnsinn. Ein Gemälde in rot. Aus ihrem Blut. Auf einer weißen Wand.
Trägt nicht jeder einen kleinen Teil Wahnsinn in sich? Einen Teil Hass? Einen Teil Traurigkeit und Wut? Jeder hat schlechte Eigenschaften. Aber nicht jeder hat gute. Jeder kann unglücklich sein. Aber nicht jeder glücklich. Das Leben ist unfair. Die Welt ist ungerecht. Und Gott gibt es nicht. Wenn doch, dann werde ich ihm in den Arsch treten. Und ich werde ihm den größten Schmerz zeigen, den es gibt: Einsamkeit. Und Unglück. Er soll spüren, was er zulässt. Diese Welt ist kaputt. Ich werde sterben und niemand wird es merken.
Die Haustür fällt hinter mir ins Schloss. Auf dem Boden liegt nicht die Katze, sondern meine Schwester. Ich gehe an ihr vorbei die Treppe hinauf. In mein fensterloses Zimmer. Meine Kammer des Wahnsinns. Mit weißen Wänden. Voller Blut.
Ich setze mich auf die Matratze die in der dunkelsten Ecke steht. Das Licht bleibt aus. Mein T-Shirt fliegt in die Ecke. Ein Streichholz geht in Flammen auf. Und landet auf meiner Brust. Ich schreie vor Schmerz. Ganz langsam nehme ich es in die Hand und puste es aus. Schlage auf das Feuer, um es zu löschen. Dann schalte ich das Licht ein.
Ich bin noch.
Ich nehme den schwarzen Buntstift in die Hand und spitze ihn an. Dann beginne ich zu malen. Ganz langsam. Kein Ton verlässt meine Kehle. Keine Regung auf meinem Gesicht. Der Schmerz, der mir zeigt, dass ich noch bin. Dass ich genug bin, um Gefühle zu wecken. Dass ich noch genug bin, um zu fühlen. Und der mich dennoch nicht vergessen lässt, was mich frisst. Dieses schwarze Etwas, das sich in meinem Innern einnistete und mich vom Glücklichsein abhält. Es flackert wie Flammen schwarzen Feuers und ruft abartige Schatten ins Leben. Schatten, die mich mit ihren Klageliedern in den Wahnsinn treiben wollen. Und schließlich in den Tod. Doch sie werden nicht gewinnen. Ich bin stark genug um zu sein.
Nicht mehr, aber auch nicht weniger.
Den Wahnsinn habe ich längst gefunden. Ich war zu schnell für die Schatten. Denn es ist mein ganz eigener, mein persönlicher Wahnsinn. Nicht der, den sie mir aufzuzwingen versuchen. Schmerz. Blut. Und weiße Wände. Mein Leben ist nicht mehr als das. Oder besser: Mein Nichtleben. Denn ich lebe nicht. Ich bin, doch ich existiere nur. Ich überlebe. Ich lebe nicht. Der Tod ist zum greifen Nahe. Er streckt mir seine Hand hin. Aber ich ergreife sie nicht. Noch gibt es Hoffnung. Irgendwo in meinem Innern. Irgendwo an einem sicheren Ort. Den die Flammen nicht erreichen. Und auch die Schatten nicht. Ein Ort im Jenseits, der dennoch in mir lebt. Die Hoffnung pulsiert. Schwach, wie das Herz eines sterbenden Kindes. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.
Ich schmiere das Blut an die weiße Wand. Zeichne mein persönliches Lied. Das Lied meiner Inspiration. Das Klagelied eines Wahnsinnigen. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Es ist die pure Inspiration. Das Leben, das ich längst verlor. Die Hoffnung, die sich mit den kleinsten Schönheiten in meiner Existenz am leben hält. Eine Pflanze, die auszutrocknen droht. Beständig wie ein Kaktus.
Linie 2.
Blut. Viel Blut. Ich lecke es ab. Ein Gaumenschmaus. Es ist warm. Ich bin noch.
Und vielleicht werde ich eines Tages leben.


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