S H A D O W S
Vielleicht Teil von etwas Größerem.
Terror. Terror.
Die Wände sind weiß, die Böden sind grau.
Terror. Terror.
Die Sonne stirbt, der Mond erwacht.
Terror. Terror.
»…Kaufpreis. Entscheiden sie sich für das Objekt?« Ich setze ein freundliches Lächeln auf. »Ja. Es ist perfekt.« Der perfekte Terror für jemanden wie mich. Aber trostlos. Vielleicht sollte ich die Wände rot färben. Vielleicht. Der Kuli kratzt auf Papier. Gut, dass es nur eine Unterschrift ist. Muss man eh nicht lesen können. Meine Hände zittern. Ich zittere. Wie immer. Ich sehe auf, die Welt dreht sich. So schalte doch jemand dieses grauenhafte Karussell aus! Hinter den Glasscheiben sehe ich die Sonne sich grau färben. Mit ihrem unheimlichen Licht bannt sie tanzende Schatten an die Wände. Sie glotzen mich mit großen, roten Augen an und blecken die Zähne. Ich lächele stur weiter, doch innerlich ist es der pure Terror. Wie immer. Die Schatten stimmen ein Lied an. Ein Grablied, ein Lied, das man singt, wenn man zum Galgen schreitet. Und dennoch werden sie es nicht vermögen, mich dieser Welt zu entreißen. Es ist mein Lebenssinn, gegen sie zu bestehen. Die Schatten lösen sich von den Wänden, kriechen über den Boden. Der Gesang wird lauter und lauter, aber ich kann mir die Ohren nicht zuhalten. Die Schatten erreichen meine Füße, winden sich an meinem Körper hinauf. Eine Kälte, wie sie noch kein Mensch gespürt haben kann, durchzuckt mich. Die Schatten gelangen bis zu meinen Ohren. Der Gesang verwandelt sich in Geschrei.
Terror. Terror.
Nie werde ich aufgeben. Ich lächele. Die Worte des Maklers klingen verzerrt. Ich filtere den gröbsten Sinn heraus und antworte stümperhaft. Sie geben nicht nach, sie schreien.
Lauter. Lauter.
Höher, tiefer.
Grausamer.
Kann mich nicht bewegen. Dieser Schmerz. Mein Herz zieht sich zusammen, meine Muskeln krampfen.
Pochen. Pochen.
Der Herzschlag wird schneller. Und schneller. Ich lebe noch. Eingehüllt in Schatten. Dunkelheit, die mich umgibt. Die Umrisse des Mannes sehe ich nur schemenhaft. Er bewegt seinen Arm, um mir die Hand zu reichen. Ich kann nicht. Ich kann verdammt noch mal nicht!
Terror. Terror.
Klirrendes Glas. Alles zerspringt. Die Zeit steht still. Alles ist zerbrochen. In etliche Scherben. Sie schweben um mich herum. Schwerelos. Dann fallen sie. Sie schneiden in mein Fleisch. Warmes Blut rinnt an meinem Körper herunter. Endlich verschwinden die Schatten. Meine Sicht wird klar. Ich ergreife seine Hand und schüttele sie kräftig. Er bedankt sich und wir verlassen das Gebäude. Nun bedanke ich mich.
Sinnlos.
Er steigt in sein Auto und bietet mir an mitzufahren. Ich lehne ab und gehe die Straße entlang. Der Asphalt ist so grau, so unendlich grau.
Trostlos, trist, abscheulich, widerlich. Ekelhaft.
Und doch so wundervoll.
Schlicht, atemberaubend, schön, wundervoll. Vertraut.
Gedanken sind wie ein Puzzle. Ein Puzzle, das auf verschiedenste Art und Weise zusammengefügt werden kann. Es gibt Menschen, die puzzeln sehr langsam und sehr wenig. Doch ich puzzele ständig neu. Ein Gedanke keimt auf, erblüht und wird erstickt. Wie das Leben einer Blume in einem Daumenkino.
Schnell. Trostlos.
Meine Existenz ist Trostlos. Ich bin nicht in der Lage zu leben. Aber ich bin. Immerhin. Trostlos. Aber existent. Wie eine verwelkte Schnittblume, die auf einem Müllhaufen liegt. Oder vereinsamt in einem Felsspalt. Doch selbst diese Schnittblume hatte ein schöneres Leben als ich, eine schönere Existenz.
Es ist alles Lüge. Baut man auf der Lüge auf, so wird man auch mit einer Lüge enden. Aber der Mittelteil, der ist entscheidend. So trostlos der Beginn auch sein mag, so einsam das Ende auch ist, das was dazwischen liegt ist entscheidend. Bei dir. Bei ihr. Bei ihm und allen anderen. Doch ich bin die Trostlosigkeit. Wider willen in einen schwachen Menschenkörper gestopft.
Zuhause angelangt. Türe geschlossen. Von Dunkelheit umgeben.
Unter den Treppen höre ich Schreie. Lange, dürre Finger schieben sich zwischen den Stufen hindurch, ergreifen meinen Knöchel. Im oberen Stockwerk steht er. Seine Zähne scharf und glänzend weiß. Makellos. Er legt sehr viel Wert darauf. Seine Zunge hängt ihm aus dem Maul, Speichel tropft auf den Boden. Seine Augen drehen durch. Seine Haut vibriert. Plötzlich bricht etwas aus seiner Brust. Dunkelheit, ein weiterer Schatten. Die Hand lässt mich nicht los. Ich kann mich nicht bewegen. Erneut.
Pochen. Pochen.
Mein Herzschlag wird schneller. Schattenhafte Messer durchbohren meinen Körper. Ach, könnte ich mich doch nur bewegen, so würde ich zusammensinken! Wie gut der Tod tun würde. Dieser Schmerz. Schmerz. Schmerz. Ein Schrei. Niemand hört ihn. Stumm, ach so stumm. Ich vermag es nicht auch nur einen Ton zustande zu bringen.
Wäre es nicht lustig, deine Adern der Länge nach aufzuschlitzen und zu sehen, wie das Blut fließt? Ich mag Blut.
Es ist nicht er, der spricht. Doch wer ist es dann? Hinter mir. Eine Stimme. Es ist die einer Frau. Sie klingt ganz normal. Aber der Sinn ihrer Worte gibt mir zu bedenken.
Ich habe noch nie das Blut eines anderen Menschen gekostet und ich habe es auch nicht vor. Magst du Blut?
»Nein, es ist ekelhaft.«
Wie schade. Werde ich nie jemanden finden, der den Geschmack so sehr liebt, wie ich es tue? Sie klingt traurig. Bin ich allein?
»Ja, bist du.«
Warum sage ich das? Ganz automatisch. Ich kann reden. Sie weint, es zerbricht. Wie immer. Ich sterbe. Alles lebt. Und ich kehre zurück. Alles ist trostlos. Wie zuvor. Er ist weg. Sie auch. Stille. Nicht erdrückend, nicht schwer.
Leicht, befreiend, einsam. Herrlich.
Es klopft an der Tür: ein Schnitt. Die Stille zerstört, für den Moment. Ich atme durch, gehe die Treppe hinunter, öffne. Da steht ein Mädchen vor der Tür, ihr blau gefärbtes Haar hängt ihr fransig in Gesicht. Ihre Kleidung ist ungebügelt und düster. Ihre Haut blass. »Äh«, sage ich und sie schiebt sich an mir vorbei in die Wohnung.
Todbringend?
»Ich war vorhin schon einmal hier, aber du hast mich rausgeworfen.« – »Wie bitte?« – »Du hast mich zum Weinen gebracht.«
Ihre Stimme.
Schatten fauchen und wieder wird alles dunkel um mich und um sie. Ich erkenne sie klar, ihr Körper wird von Schatten überzogen.
Terror?
Ich will fliehen, doch ich kann mich nicht bewegen. Halluzination. Wie immer. Das ist alles nur in meinem Kopf. Wie immer. Dunkelheit. Schatten. Ein schwarzer Horizont und für den Augenblick keine Zukunft. Ihre blauen Augen färben sie gänzlich weiß. Schatten greifen sie an. Mit Messern verunstalten sie ihr Gesicht, zaubern ein Chelsea Smile darauf. Ich will sie wegschieben und sie beschützen, doch sie rammt mir ein Messer in den Bauch. Alles zersplittert, aber sie steht vor mir und sieht auf mich herab. Mit Verachtung.
Verachtung.
Ich gehe zu Boden. Dann löst sie sich in Nebel auf. Blut. Alles voller Blut. Alles regeneriert sich. Sie ist verschwunden. Ich liege auf dem Boden. Ich bin zurück. Warum sterbe ich? Habe ich verloren? Ich glaube schon. Eine Falle. Eine diabolische Intrige.
Tod. Todbringend.
Sie war es. Ich ließ es zu. Mein Gang zum Galgen. Ich stimme das Lied der Schatten an. Denn bald werde ich zu ihnen gehören.


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