Heartless
Rücken durchdrücken. Gerade sitzen. Haltung bewahren. Jedes Wort merken. Schweigen, bis man aufgefordert wird zu reden. Aufstehen, wenn man spricht. Sonst sitzen. Notizen machen. Die Aufgaben schnell und konzentriert erledigen. Die Anweisungen befolgen.
Wer die Regeln bricht, wird bestraft. Doch auf der Straße gibt es nur eine einzige Regel: Fressen oder gefressen werden. Als Geronimo dieses Mädchen zum ersten Mal sah, wurde ihm das erstmals bewusst. Dieses Mädchen mit den zotteligen Haaren, die von einer solchen Farbe waren, wie die des Fells der herrenlosen Straßenhunde, die man von Zeit zu Zeit durch die Gassen der Stadt streunen sah. Dieses Mädchen, dass statt einem Kleid zerrissene Hosen und keine Schuhe an den Füßen trug und das dreckig war, wie einer der eben genannten Straßenköter, die es seine Freunde nannte. Geronimo hatte sie in der späten Abenddämmerung am Markt getroffen, wo sie einen Laib Brot von einem der Bäcker gestohlen hatte. Der hatte sie mit einem Besen gejagt und geschlagen, doch sie war im letzten Moment über einen Stapel Säcke und Kisten auf eines der Hausdächer geklettert und verschwunden.
Geronimo bewunderte sie dafür. Er beneidete sie und würde selbst gerne so ein Leben führen. Er wäre selbst gerne so frei. Er, der er die angesehene Eliteschule besuchte und nur an Sonntagen Ausgang hatte. Er, der strenge Regeln befolgen und feine Kleidung tragen musste. Er durfte keine Pfeife oder gar Zigarren rauchen und keinen Tropfen Alkohol zu sich nehmen. Und Klauen oder sich Prügeln erst recht nicht. Dann würde der Direktor kurzen Prozess machen und ihn von der Schule werfen.
Und Alea würde ihn bestimmt keines Blickes mehr würdigen. Nicht, dass die das jetzt täte. Für sie war er immer noch nicht gut genug. Dabei hatte er die besten Noten der gesamten Schule, ein hervorragendes Aussehen und beste Aussichten auf eine prächtige Zukunft.
Geronimo verzweifelte allmählich. Die meisten Mädchen seines Alters waren von ihm begeistert. Es waren nicht wenige, die ihn bereits gefragt hatten. Geronimo hatte immer nein gesagt. Sein Herz gehörte Alea. Beim ersten Blick aus ihren großen smaragdgrünen Augen, hatte sie es sich gestohlen. Sie warf ihm vielsagende Blicke zu, doch wenn er sie erwiderte, schaute sie in eine andere Richtung. Sie sprach nie mit ihm und wollte er mit ihr reden, so ging sie fort. Geronimo hatte zu Beginn Nacht für Nacht bittere Tränen geweint. Nun lächelte er nur noch müde über seine unerschöpfliche Naivität, die es ihm erlaubte, zu hoffen, dass Alea ihm eines Tages auch ihr Herz schenken würde. Diese Hoffnung schwindet hin und wieder, doch sie kehrt immer wieder zurück. Inzwischen war sie ein fester Teil von Geronimo. Als er neu auf die Schule gekommen war, hatte er bereits im ersten Jahr seine Versetzung gefährdet, da er zuließ, dass seine Gedanken an Alea seine Konzentration störten. Irgendwie hatte er die Kurve gekriegt. Heute war er an die Gedanken gewöhnt. Sie behinderten ihn nicht mehr bei seinen Aufgaben. Er war zum besten Schüler der Schule geworden und würde Anfang nächsten Jahres einen erfolgreichen Abschluss ablegen. Vermutlich würde er Alea dann verlassen müssen und niemals wieder sehen.
Doch er hoffte.
Geronimo war ein Optimist in allen Lebenslagen. Seine Probleme versteckte er mit routiniertem Verhalten vor seinen Mitschülern und Freuden, was ihn die Trauer beinahe vergessen ließ. Zumindest wurde sie verdrängt und in seinem Unterbewusstsein eingeschlossen. Nur in milden Sonntagnächten, die er am Flussufer nahe der verlassenen Mühle verbrachte, ließ er zu, dass ihn seine Gefühle überwältigten.
Man nannte ihn von Zeit zu Zeit im Spaß einen Weichling, weil er einmal von einem älteren Schüler gesehen worden war. Doch sie hatten ja keine Ahnung. Sie wussten ja nicht, wie schlimm das Gefühl von unerfüllter Liebe war. Wie sich dieses schwarze Loch gleich einer klaffenden Wunde auftat und Tropfen schattenhaften Blutes die weinende Seele benetzten. Sie wussten ja alle nicht, was für Schmerzen er im Geiste erlitt.
Er würde alles weltliche erreichen können, was es zu erreichen gab.
Doch niemals würde Geronimo das Loch füllen können, dass sein verlorenes Herz zurück ließ.


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